Buebeli

Als Mutter ins Altersheim zog, galt ihre grösste Sorge Buebeli. Wer bei Buebeli an ein kleines, zartes Geschöpf denkt, denkt falsch. Buebeli war ein gewaltiger rotweisser Kater mit einem roten Fleck auf der Nase. Zart war an ihm nur sein Gemüt. Er war überaus liebesbedürftig und anhänglich. Vor Jahren war er vom Berg gekommen und hatte sich anfänglich nicht berühren lassen. Doch die täglich gefüllten Teller und viele freundliche Worte hatten ihn davon überzeugt, dass ihm keiner an den rotgoldenen Pelz wollte. Bald hatte er eine erste scheue Pfote über die Türschwelle gesetzt und schon war er im Haus gewesen. Weiche Sofas gab es hier und Streichelhände. Von da an war der Bann gebrochen. Er schlief jede Nacht selig schnurrend an der Seite meiner Mutter. Der Abschied war hart und tränenreich. Ich versprach Buebeli täglich zu füttern und zu streicheln. Doch das Häuschen war nun verwaist und der alte Kater suchte Gesellschaft. Streicheln morgens und abends genügte ihm nicht. Traurig sass er vor dem Haus und wartete auf die Rückkehr meiner Mutter. Wir fragten uns, ob wir so einen alten Kater neu platzieren könnten und verwarfen die Idee. Weiterhin gingen wir jeden Tag zu ihm und versuchten ihn zu trösten. Die Katzentür stand für ihn offen. Er hatte ein ganzes Haus für sich allein. Doch er war und blieb traurig.

Eines Tages rief eine unbekannte Frau bei uns an. Die Telefonnummer hatte sie von meiner Tierärztin bekommen. Sie war auf der Suche nach einer älteren Katze. Weinend erzählte sie mir, dass sie ein furchtbares Jahr hinter sich habe. Im Winter war ihr Mann gestorben und ein paar Monate später auch noch der Kater. Das Tier hatte sie oft getröstet und ihr täglich Gesellschaft geleistet. Nun war sie ganz allein. Ich zögerte zuerst. Doch dann erzählte ich von Buebeli und seinem Kummer. Ich konnte ihr nicht einmal sagen, wie alt der Kater war.

Die Frau kam schon am nächsten Tag. Ein Nachbar hatte sie gefahren. Ich führte sie ins verlassene Häuschen und ins Wohnzimmer, wo der Kater auf dem Sofa lag. Die berühmte Liebe auf den ersten Blick hatte ich bis jetzt nur in Filmen gesehen. Ehrlich gesagt, glaubte ich nicht wirklich daran. Doch hier passierte etwas Seltsames. Die zwei konnten ihren Blick nicht voneinander lösen. Der alte Kater blinzelte dieser Fremden zu, schmiss sich ihr in die Arme und drückte seinen dicken Kopf an ihre Brust. Sie nahm ihn auf der Stelle mit. Wir rannten mit Buebelis Impfausweis, Lieblingsfutter, Decke und Schälchen hinter ihr her und reichten es ihr durch das Autofenster. Und schon war sie weg aus lauter Furcht, wir könnten es uns anders überlegen und ihr diesen Kater verweigern.

Am nächsten Morgen rief sie uns an und berichtete, dass der Kater gleich daheim gewesen sei. Er folge ihr wie ein Schatten, bewache sie fast und sei überglücklich, nicht mehr allein zu sein. Sie war es auch. Abends sei er mit ins Schlafzimmer gekommen und habe in ihren Armen geschlafen. Sie werde diesen Kater nie mehr hergeben. Dem fehle es an nichts bei ihr.

Als ich meiner Mutter von dieser spontanen Liebesgeschichte erzählte, war sie im ersten Augenblick eifersüchtig. So ein untreuer Kerl, wirft sich einfach einer Fremden in die Arme! Als ich sie darauf aufmerksam machte, dass der Altersheimkater schon auf ihrem Bett schlafe, schwieg sie verlegen.

Ein glückliches Jahr bei seiner neuen Freundin war Buebeli vergönnt. Dann holten ihn die Altersbeschwerden ein und er musste von seinen Leiden erlöst werden. Wieder war die alte Dame am Boden zerstört. Sie rief mich an und sagte, dass sie nie im Leben wieder so eine anhängliche und liebe Katze finden würde. Ich versuchte sie zu trösten und versprach die Augen offen zu halten.

Bald danach erfuhr ich von einem ausgesetzten Kater, der trotz Suchanzeigen nicht zurück zu seinen Besitzern gefunden hatte. Er war neben einem verwahrlosten Wohnblock gefunden worden, wo die Mieter häufig wechselten. Der Kater hatte sich in einem Busch versteckt und war abgemagert und verstört gewesen. Wahrscheinlich war er bei einem Umzug zurück gelassen worden. Der hübsche Tigerkater war anfänglich scheu und ängstlich. Sein Gesichtchen erinnerte mich an Buebeli. Auch er hatte einen Tigerfleck im ansonsten weissen Gesicht. Ich rief die Frau an und bot ihr an, den Kater zu ihr zu bringen. Sollten sie sich nicht verstehen, würde ich selbstverständlich einen anderen Platz für das Tier suchen.

Dieses Mal war nichts mit der berühmten Liebe auf den ersten Blick. Die zwei sahen sich skeptisch an. Der Tigerkater war ängstlich und verwirrt. Kein Wunder bei der Odyssee, welche er hinter sich hatte. Zum Glück durfte er bleiben, sie wollte ihm Zeit geben. Die ersten Berichte waren nicht ermutigend. Der Kater fürchtete sich und verkroch sich im Wohnzimmer. Er weigerte sich andere Zimmer anzusehen. Nach draussen gehen – um Himmels willen! Erst nach Wochen fasste er Vertrauen. Aber dann gab es kein Halten mehr. Wie Buebeli folgte er der Frau von Zimmer zu Zimmer und wagte sich sogar nach draussen. Aber er hütete sich, zu weit weg zu gehen. Abends folgte er seiner neuen Freundin bis ins Schlafzimmer und schlief zusammengerollt neben ihr. Verlegen sagte sie, dass der Kater gewisse Verhaltensweisen von Buebeli zeige. Manchmal sehe er sie mit einem Blick an, der ihr durch und durch gehe.

 

Heidy Gasser